Jede Sprache denkt anders

Dorothée Ecklin ist Leiterin des Sprachdiensts am Bundesverwaltungsgericht (BVGer). Sie spricht über die Kunst des Übersetzens und erklärt, warum Bilingues nicht unbedingt die besten Übersetzer sind.

23. Mai 2022
Übersetzerin Dorothée in der Bibliothek
Dorothée Ecklin: «Die Mehrsprachigkeit der Schweiz ist ein Erklärungsfaktor für die redaktionelle Qualität unserer Gesetzgebung.» (Foto: Lukas Würmli)

Dorothée Ecklin, nach einem Rechtsstudium haben Sie sich zur Übersetzerin ausbilden lassen. Was hat Sie dazu bewegt?
Nach meinem Studium habe ich als Juristin in einem Kunsthaus in Biel gearbeitet. Hier habe meine ersten Übersetzungen getätigt – das war Liebe auf den ersten Blick. Danach habe ich bei einer Agentur im Kanton Neuenburg eine berufsbegleitende Ausbildung absolviert und wurde dann von der Konferenz der Kantonsregierungen angestellt. Diese Stelle war sehr interessant, weil ich hier als Übersetzerin meine juristischen Kompetenzen einsetzen konnte.

Was sind die grössten Schwierigkeiten, wenn Sie einen Text übersetzen
Die Denkweise ist in jeder Sprache anders. So werden auf Deutsch viel mehr Substantivierungen und Passivsätze verwendet, während auf Französisch aktive Forumlierungen Vorrang haben. Darum ist es wichtig, die Zielsprache besonders gut zu kennen, um mit diesen Unterschieden umgehen zu können. Die besten Übersetzer sind denn auch nicht unbedingt Bilingues, denn diese stehen in der Gefahr, die beiden Sprachen zu vermischen. Zudem arbeiten Übersetzer im Gegensatz zu Dolmetschern in der Regel nur in einer Zielsprache.

Was gefällt Ihnen an diesem Beruf?
Vor allem der Prozess der Abstrahierung. Bei der Übersetzung eines Texts wird die Botschaft in der Ausgangssprache zu einer immateriellen Idee abstrahiert und dann in der anderen Sprache wieder materialisiert. Nehmen wir das Beispiel eines Mädchens, das einen Apfel isst: Ich abstrahiere den Sinn dieser Worte, lasse das Bild des Mädchens mit Apfel in mir aufsteigen und beschreibe dieses Bild dann in der Zielsprache. Das ist ein äusserst intellektueller Vorgang, der mir überaus gefällt.

Eine Frage zur Mehrsprachigkeit: Finden Sie, dass sie beim BVGer spürbar ist?
Ja, im Allgemeinen schon. Einmal weil hier alle die Möglichkeit haben, sich in der eigenen Sprache auszudrücken. Dann sind auch viele Dokumente in zwei oder drei Sprachen verfügbar: Deutsch, Französisch und Italienisch. Übrigens haben im Bundesrecht alle Sprachversionen der Rechtstexte dieselbe Gültigkeit, wofür die Sprachdienste der Bundesverwaltung eine eigentliche Herkulesarbeit leisten. Vielleicht ist das auch ein Grund für die grosse Qualität unserer Gesetzgebung, denn die Übersetzung wirkt wie ein Filter und eine extrem präzise Kontrollstufe vor der Publikation, was sich auch auf die Ausgangssprache auswirkt.

Welche Rolle spielt die Kultur beim Übersetzen?
Die Kultur schlägt sich zwangsweise in der Sprache nieder, in erster Linie in der Grammatik. Das Wort «Grammatik» ist sehr alt und geht auf die Begriffe «gravieren» oder «charakterisieren» zurück. Darum findet der Kulturtransfer automatisch statt, wenn ich auf Französisch übersetze. Wirklich kulturelle Probleme treten häufiger in der literarischen Übersetzung auf, wenn der Autor gesellschaftliche Besonderheiten erwähnt, die in der Zielkultur nicht vorkommen.

Was braucht beim Übersetzen am meisten Zeit?
Das Recherchieren. Es ist vom Spezialisierungsgrad des Ausgangstexts abhängig. Im Durchschnitt wird mit einer Stunde pro Standardseite gerechnet (1800 Anschläge inkl. Leerschläge). Hinzu kommt die Revision, denn jede Übersetzung sollte nach dem Vieraugenprinzip kontrolliert werden. Dies ist für Referenztexte besonders wichtig. Darum haben wir beim Gericht eine interne Zweitlesung für Regeste und Medienmitteilungen eingerichtet.

Heute haben Herr und Frau Jedermann Zugriff auf Übersetzungsmaschinen wie DeepL. Denken Sie, solche Applikationen könnten den Wert des Übersetzerinnenberufs schmälern?
Diese Applikationen gehören zu unserer heutigen Welt. Es sind Werkzeuge, die helfen können, fremdsprachige Texte zu verstehen. Vielleicht werden sie mittelfristig einen Teil der Übersetzer ablösen. Aber es sind und bleiben Maschinen. Doch für die Übersetzer denke ich, dass es immer wichtiger sein wird, sich zu spezialisieren. Was einen guten Übersetzer heutzutage ausmacht, ist wirklich seine Spezialisierung in einem Fachgebiet.

Anaëlle Deschenaux

https://www.bvger.ch/content/bvger/de/home/blog/alle-blogbeitraege/jedesparchedenktanders.html