«Ich hoffe, dass uns die Flexibilität und die Digitalisierung erhalten bleiben»

Maria Cristina Lolli, Gerichtsschreiberin in der Abteilung II, ist es nicht schwergefallen, ihre Arbeitsgewohnheiten anzupassen. Zudem erkennt sie in den krisenbedingten Veränderungen viele Vorteile. Im Interview verrät sie uns auch, warum sie starkes Heimweh nach Rom hat.

6. April 2021
Maria Cristina Lolli. (Bild: zVg)

Maria Cristina Lolli, welche Erfahrungen haben Sie bisher in der Covid-19-Krise gemacht?
Die Krise erfordert vor allem Flexibilität, im Berufsleben und im Privatleben. Bei der Arbeit hat die Digitalisierung stark zugenommen: Die Koordination mit dem eigenen Team, mit Personen vor Ort und der Kanzlei ist anspruchsvoller geworden. Dossiers, Zirkulationen und Kontakte erfordern einen Mehraufwand. Innerhalb des Gerichts habe ich eine starke Zusammenarbeit erlebt. Jeder einzelne gibt sein Bestes und bringt mehr ein, als es die eigene Funktion vorsieht. Erwähnen möchte ich die Kanzleimitarbeiterinnen, die die Behandlung der Fälle aus der Ferne ermöglicht haben. In meinem Privatleben musste ich mich allerdings daran gewöhnen, viel mehr Zeit zu Hause zu verbringen, weniger Leute zu treffen und nicht reisen zu können. Für mich bedeutet das, meine Familie nicht sehen zu können, weil sie in meiner Heimatstadt Rom lebt.

Welche krisenbedingte Veränderung kann auch in Zukunft aufrechterhalten werden?
Obwohl die Pandemie der Auslöser dafür war, würde es sich meines Erachtens lohnen, die Digitalisierung der Dossiers künftig beizubehalten und vielleicht sogar voranzutreiben. Ich finde es sehr praktisch, sämtliche eingescannten Dokumente auf dem Computer zur Verfügung zu haben und sie jederzeit konsultieren zu können. Oft gewinnen wir dadurch an Effizienz, vor allem bei der Suche nach bestimmten Textpassagen.

Welche aktuelle Veränderung sollte Ihrer Meinung nach nicht beibehalten werden?
Ich wünsche mir, dass die bisher erforderlichen Regeln zum Thema soziale Distanz gelockert werden. Die Distanz kann im täglichen Arbeitsprozess zu Barrieren und Schwierigkeiten führen, wenn es zum Beispiel um die Diskussion über einen Fall geht, um mögliche Änderungen bei einer Entscheidvorlage, um einen Meinungsaustausch mit Kollegen zu juristischen Fragen oder einfach das Plaudern während der Pause.

Welche Entwicklung in dieser Situation beunruhigt Sie?
Von zu Hause aus arbeiten zu können hat zahlreiche Vorteile, die mir entgegenkommen, und ich würde es teilweise auch gern in der Zukunft machen. Zugleich stelle ich fest, dass das Homeoffice über längere Zeit die Kollegen voneinander entfernt, und das könnte die Zusammenarbeit erschweren. Während der Krise ist es ja bereits vorgekommen, dass man einige Kollegen mehrere Monate am Stück nicht gesehen hat. Ich finde es schwieriger, mich mit einem Kollegen telefonisch über eine juristische Frage zu unterhalten, als bei einer Begegnung auf dem Flur oder in dessen Büro.

Sollte unser Leben wieder zu einer Normalität wie vor der Krise zurückkehren, was würde Ihnen von der aktuellen Situation fehlen?
Bei der Arbeit würde mir vor allem die Flexibilität in Bezug auf Arbeitsformen und -zeiten fehlen, falls dies nicht beibehalten wird. Im privaten Bereich hoffe ich von Herzen, dass wir sobald wie möglich wieder unser normales Alltagsleben wie vor der Krise aufnehmen können und ich meine Familie in der italienischen Hauptstadt besuchen kann.

Interview: Rocco Maglio

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