Die Genaue, der Zielstrebige und das Kuhglöcklein

Die beiden KV-Lernenden Samuele Di Santo und Svenja Keller haben ihre Lehre am Bundesverwaltungsgericht mit Erfolg abgeschlossen. Im Doppelinterview sprechen sie über ihre Wahrnehmung der Justiz, über Pausengespräche mit den älteren Kollegen und über entdeckte Führungsqualitäten.

8. Juli 2021
Foto: Lukas Würmli

Die Stimmung ist gelöst; wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Svenja Keller und Samuele Di Santo eben erst erfahren haben, dass sie ihre Lehre bestanden haben. Nach den ersten Gratulationen stellten sich die neugekürten Kaufleute mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis deshalb sichtlich gut gelaunt den Fragen zu ihrer Lehre.

Svenja und Samuele, welches Bild von der Justiz hattet ihr vor eurer Lehre und wie hat sich dieses in der Zwischenzeit verändert?
Svenja: Ganz ehrlich: gar keins. Ich kannte Gerichte aus amerikanischen Filmen. Aber sonst hatte ich keine Berührungspunkte.

Samuele: Geht mir ähnlich, ich hatte immerhin schon vom Bundesgericht gehört, mehr aber nicht. Mein typisches Bild war ein alter Mann, der mit einem Hammer auf das Pult haut, wenn er etwas zu sagen hat. Das ist hier ganz anders. Und statt einem Hammer haben wir so ein Kuhglöcklein… (lacht)

Svenja: Beeindruckt hat mich vor allem der Aufwand rund um ein Urteil. Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Entscheidungen sind viel zahlreicher als ich einst annahm. Und auch die Verwaltung des Gerichts nimmt eine zentrale Rolle ein.

Samuele: Und was sich an meinem Bild sicher verändert hat, ist die öffentliche Relevanz. Wir fällen zentrale Urteile, die alle betreffen, tragen eine demokratische Verantwortung. Es geht um etwas, um viel mehr als in den amerikanischen Spielfilmen.

Was hat euch denn in eurer Lehre am Gericht geprägt?
Samuele: Die Zusammenarbeit mit den älteren Kollegen und besonders den Richtern liess mich reifen. Ich lernte aber auch, dass Aufgaben, die ich nicht so gerne mache, zum Alltag gehören und sie erledigt werden müssen. Und so konnte ich mich nicht nur fachlich, sondern vor allem auch menschlich sehr stark entwickeln.

Svenja: Total einverstanden. Die vielen Menschen, mit denen man am Gericht zusammenarbeitet, bringen eine unfassbare Summe an Charakteren, Geschichten und Ansprüchen zusammen. Der Umgang mit diesen Wechseln hat mich geprägt und war persönlich sehr wertvoll.

Der Reifeprozess von Samuele Di Santo ist auch optisch erkennbar. Links sein Bewerbungsfoto aus dem Jahr 2017, rechts unser Lernender mit dem Abschlusszeugnis. (Fotos: zVg / Lukas Würmli)

Ihr wart und seid die jüngsten Mitarbeitenden im Haus bei über 400 Angestellten. Habt ihr das gespürt?
Samuele: Definitiv, und das verstehe ich überhaupt nicht als negativ. Es war und ist sicher so, dass ich im Büro anders spreche, andere Wörter brauche als unter Kollegen.

Svenja: Nicht nur die Wörter, auch die Themen sind ganz anders. Da wurde in der Pause über Kinder, private Beziehungen und nicht über Partystorys gesprochen. Ich passte mich da an und merkte bald, was ich erzählen kann und was nicht. Und über Partystorys gab es ja in den vergangenen Monaten eh nichts zu berichten.

Samuele: Und natürlich merkte ich auch oft, dass mir in den alltäglichen Arbeiten noch die Erfahrung fehlt. Nach einer jeweils intensiven Einarbeitungszeit fühlte ich mich aber immer als vollwertiger Mitarbeiter. Abgeschobene Jobs für Lehrlinge, wie ich es von meinen Kollegen hörte, gab es hier nie!

In welchen Punkten ist eure Generation den restlichen überlegen?
Svenja: Das ist einfach. Das ganze Digitalisierungsthema ist für uns sicher nicht gleich herausfordernd und neu. Und konkret am Bundesverwaltungsgericht haben wir Lernende sicher auch ein stärkeres bereichs- und abteilungsübergreifendes Denken entwickeln können, weil wir auch überall hineinsehen konnten. Das hilft, wenn bei festgefahrenen Meinungen vielleicht mal ein besseres Verständnis für eine andere Perspektive hineingebracht werden konnte.

Samuele: Und darin sehe ich auch eine Wichtigkeit von uns Lernenden im Haus: Wir können so einen wertvollen Beitrag zur besseren Zusammenarbeit leisten. Von der technischen Unterstützung und Expertise unserer Generation konnten die anderen praktisch überall profitieren.

Svenja, du hast nach der Matura eine verkürzte Lehre gemacht und kamst erst 2019 ans BVGer. Hat dir Samuele, der schon ein Jahr im Betrieb war, den Einstieg erleichtert?
Svenja: Am Anfang bestimmt, weil er mir viele Abläufe erklären konnte, besonders auch zu schulischen Punkten. Allgemein hatten wir danach aber wenig Berührungspunkte, da wir ja nie zeitgleich im selben Team arbeiteten. Jetzt in der Phase der Abschlussprüfungen tat es aber gut, einen «Leidgenossen» zu haben und es war beruhigend, wenn auch er erzählte, dass sein Lernplan noch nicht ganz aufgegangen ist. (lacht)

Samuele: Ja, das tat wirklich gut. Wir konnten uns aber gegenseitig erzählen, was uns in den einzelnen Bereichen und Abteilungen erwarten wird und das tat gut.


Svenja, die Lebensfrohe

Svenja Keller kommt aus Weinfelden und absolvierte im Thurgau auch die Kantonsschule. Nach einem Jahr als Klassenassistentin in einer Primarschule führte ihr Weg nach St.Gallen ans Gericht. Sie absolvierte hier eine verkürzte, zweijährige Lehre zur Kauffrau EFZ im E-Profil. Fast wäre Svenja ein Milleniumskind geworden, kam dann aber doch noch im Dezember 1999 zur Welt. In ihrer Freizeit ist sie gerne in der Natur oder mit ihrem Pferd unterwegs und geniesst Zeit mit Freunden. Ihr Sprachtalent – sie spricht Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch – hat ihr am Gericht geholfen. 

Samuele, der Inter-Fan

Samuele Di Santo ist 18 Jahre alt, kommt aus St.Gallen und wechselte von der Sekundarschule «Buebeflade» im Jahr 2018 ans Gericht. In seiner dreijährigen Lehre zum Kaufmann EFZ im E-Profil liess er seine süditalienischen Wurzeln immer wieder durchblicken. Sein Herz schlägt aber vor allem auch für Inter Mailand. Allgemein ist er sportbegeistert, spielt selbst aktiv Fussball und verfolgt die Formel 1 sehr genau. Eine Ausnahme ist das Skifahren, das er ebenso nicht mag wie die kalten Temperaturen im Winter. Seine Hilfsbereitschaft und seine Gradlinigkeit wurden in allen Bereichen sehr geschätzt.


Wie würdet ihr denn den jeweils anderen beschreiben?
Samuele: Huch, schwierig. Man verbringt zwar oft Zeit miteinander, sieht aber nicht wirklich, wie die Person arbeitet.

Svenja: Dann mache ich gerne den Anfang. Samuele ist sehr zielstrebig.

Samuele: Stimmt, das triffts ziemlich genau. (lacht)

Svenja: Er weiss, was er will und wohin er will. Die Umsetzung war sicher nicht immer gleich einfach, aber ich habe bei ihm eine grosse Offenheit gespürt. Er hat auch Kritik bei gemeinsamen Arbeiten angenommen und sie gut umgesetzt.

Samuele: Diese gemeinsamen Arbeiten haben mir vor allem gezeigt, dass sie eine sehr genaue Person ist. Sie arbeitet gut und will die Sachen richtigmachen, was ihr auch gelingt. Wenn sie mir etwas von ihr Vorbereitetes geschickt hat, dachte ich oft: «Ohaa, krass».

Svenja: Oh, danke!

Wo führt euer Weg nun hin? Wollt ihr in der Justiz bleiben?
Svenja: Ich bleibe sicher noch ein Jahr am Gericht und arbeite in der Kanzlei der Abteilung I mit. Danach kann ich mir eine weitere Stelle in der Justiz sehr gut vorstellen, zum Beispiel als Anwaltsassistentin. Aber auch das Schulwesen wäre eine Möglichkeit – wichtig ist, dass es eine abwechslungsreiche Aufgabe ist. Eine Lehre am Gericht würde ich jedem empfehlen, der genau diese Abwechslung sucht und trotzdem eng begleitet diesen Weg machen will. Wegen des Arbeitswegs und um wieder etwas Anderes zu sehen, werde ich aber eine Stelle ausserhalb des Gerichts suchen.

Samuele: Ich mache im nächsten Jahr die Berufsmaturitätsschule und arbeite nebenbei Teilzeit am Gericht in der Abteilung VI. Danach ist sicher das Militär ein Thema, und dann mal schauen. Vielleicht ein Studium im Bereich Recht, vielleicht PH. Ich weiss es noch nicht genau, was mich aber nicht beunruhigt. Wenn man als 14-Jähriger bei der Auswahl der Lehrstelle eine solch gute Entscheidung trifft, dann schafft man das auch als 18-Jähriger bei der Berufswahl. Auch einen Verbleib am Gericht kann ich mir gut vorstellen, eine Stelle als Kanzleileiter würde mich mal reizen.

Du denkst also schon eine Führungsstelle. Wie kommt das?
Samuele: Ich denke, ich habe Führungsqualitäten. Das habe ich während Corona gemerkt, als auch wir Lernenden vor Ort Verantwortung übernehmen mussten und durften. Mir wurde bewusst: «Ich kann das, wenn ich das will.» Und ich habe die Zusammenhänge am Gericht gut kennengelernt, was in dieser Position sicher ein Vorteil wäre.

Svenja und Samuele, herzlichen Dank und viel Erfolg auf eurem weiteren Weg!
Svenja: Danke, das Rüstzeug dafür haben wir hier erhalten.
Samuele: … und dafür möchten wir auch dem Gericht herzlich danken!

Interview: Lukas Würmli

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