Traumberuf Richterin

Nina Spälti Giannakitsas arbeitet seit fast zwanzig Jahren als Richterin im Asylbereich. Sie empfindet es als grosses Glück, in ihrem Amt zur Gerechtigkeit beitragen zu können.

16. Januar 2023
Richterin Nina Spälti Giannakitsas ist in ihrer Freizeit gern in der Natur unterwegs. (Foto: Lukas Würmli)

Einen schöneren Beruf als denjenigen der Richterin kann sich Nina Spälti Giannakitsas nicht vorstellen. Seit 23 Jahren beschäftigt sich die promovierte Juristin mit dem Asylrecht: zunächst bei der Schweizerischen Asylrekurskommission ARK als Gerichtsschreiberin und dann als Richterin, seit dem 1. Januar 2007 als Bundesverwaltungsrichterin. Der Abteilung IV, die sie von 2017 bis 2020 präsidierte, ist sie immer treu geblieben. «Für mich ist es ein Traumjob.» Das Asylrecht gefällt ihr deshalb besonders gut, weil der Mensch und sein Schicksal im Mittelpunkt stehen, umfassendes Wissen zum aktuellen Weltgeschehen unabdingbar ist und diese Faktoren unter Berücksichtigung von nationalem und internationalem Recht in einen juristischen Kontext zu bringen sind.

Für andere Länder und Kulturen interessiert sich Nina Spälti seit jeher. So reiste sie nach der Matura ein Jahr lang durch die Welt. Dass sie danach Jus studieren würde, war da schon klar, denn sie stammt aus einer Anwaltsdynastie: «Mein Vater und mein Bruder sind beide Anwälte, an unserem Tisch wurde schon früh Juristisches diskutiert.» Dass ihre berufliche Zukunft im Asylrecht liegen würde, ergab sich aber erst im Rahmen ihrer Doktorarbeit in Florenz. «Da tauchte ich erstmals in Migrations- und Asylthemen ein, die mich seither nicht mehr losgelassen haben.» Nach drei Jahren in Florenz folgte ein einjähriger Aufenthalt in Athen, danach zogen sie, ihr Mann und der kleine Sohn nach Bern, wo sie eine Stelle als Gerichtsschreiberin bei Richter Walter Stöckli annahm.

Neue Heimat in Speicher
Im Jahr 2006 wurden die Eidgenössischen Rekurskommissionen aufgehoben, und am 1. Januar 2007 nahm das Bundesverwaltungsgericht an seinen provisorischen Standorten Bern und Zollikofen den Betrieb auf. Der Entscheid für den Standort St. Gallen war bereits 2002 gefallen, sodass der Umzug bei Nina Spältis Wahl zur Bundesverwaltungsrichterin im Jahr 2005 schon beschlossene Sache war. Das bereitete ihr kein Kopfzerbrechen: «Ich lebe mich an neuen Orten schnell ein, und auch mein aus Griechenland stammender Mann war offen für einen Umzug.» Einzig für den Sohn, der zu jenem Zeitpunkt 14 Jahre alt war, sah es anders aus – er war in Bern verwurzelt.

Zur Evaluation des zukünftigen Wohnorts verbrachte die Familie Ferien in Appenzell, am Bodensee, in Bischofszell. Schliesslich fand sie ein idyllisch gelegenes Haus in Speicher AR, wo sich alle drei rasch wohlfühlten: «Wir wurden offen empfangen, fanden leicht Zugang und liebe Freunde.» Dass ihre Familie mit in die Ostschweiz kam, bezeichnet die heute 55-Jährige als Glücksfall: «So hatten wir Lust, Zeit und die räumlichen Möglichkeiten für regelmässige Einladung von Kollegen und Kolleginnen am Gericht.» In jener Anfangszeit seien viele bis heute andauernde Freundschaften entstanden, auch über die Abteilungen hinweg.

Politik und Justiz
Angesprochen auf das Verhältnis zwischen Politik und Justiz bedauert Nina Spälti, dass diese Verbindung mit dem Wechsel der Wahlbehörden an Bedeutung gewonnen habe. Bei den Rekurskommissionen seien die Richter/innen vom Bundesrat bestimmt worden, nach einer Parteizugehörigkeit habe niemand gefragt. «Heute würden Parteilose gar nicht mehr gewählt.» Grundsätzlich finde sie es nicht schlecht, dass die gesellschaftlichen Wertvorstellungen in der Justiz repräsentiert seien, doch: «Die Richterinnen und Richter sollten nach der Wahl aus der Partei austreten müssen. Gleichzeitig müsste der Auswahlprozess professionalisiert und die Wiederwahl sowie die finanzielle Abhängigkeit der Parteien von den Richtern abgeschafft werden.»

In ihrer Freizeit liest und reist Nina Spälti gern. Auch bewirten sie und ihr Mann oft Gäste oder sind mit dem Hund im Alpstein oder am See unterwegs. Die Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit gelinge ihr recht gut, auch wenn ihr die Schicksale der Menschen nahegingen und viele Entwicklungen tragisch seien. Als Beispiel nennt sie die Situation der Frauen in Afghanistan: «Eine meiner ersten Gutheissungen im Jahr 1999 betraf eine Lehrerin, die in Kabul eine Mädchenschule leitete und die Flüchtlingseigenschaft zugesprochen erhielt», erinnert sie sich. «Durch die Machtübernahme der Taliban wurde das Land nun um zwanzig Jahre zurückgeworfen.» Entmutigen lässt sie sich davon aber nicht: «Ich empfinde es als grosses Glück, in meinem Amt an wichtigen Entscheiden teilhaben und zur Gerechtigkeit beitragen zu können».

Katharina Zürcher

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