Psychische Probleme können jeden treffen
Manuel Stadtmann, wie steht es um die psychische Gesundheit der Schweizerinnen und Schweizer?
Gemäss den Daten des schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan geht es den meisten Leuten gut. Sie haben genug Energie und fühlen sich befähigt, ihre Aufgaben zu erledigen. Trotzdem zeigt bis zu einem Drittel der Menschen Belastungssymptome, die auf beispielsweise eine Depression hinweisen – das hat klar zugenommen. Auch wenn nicht alle eine manifeste Erkrankung entwickeln, bedrückt mich das. Ich frage mich, ob wir als Gesellschaft genug tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Die Hälfte aller neuen IV-Anmeldungen erfolgt aufgrund von psychischen Erkrankungen. Da würde ich mir als Wissenschaftler und Kliniker wünschen, mehr zu unternehmen, bevor die Leute erkranken.
Was würde helfen, die psychische Gesundheit der Menschen zu stärken?
Auf organisatorischer Ebene lohnt es sich, ins Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) zu investieren. Diesbezüglich sehe ich vor allem bei kleineren und mittleren Organisationen viel Potenzial, um damit die Gesundheit der Mitarbeitenden zu fördern und zu erhalten. Wichtig ist auch, dass es Stellen gibt, an die sich Arbeitnehmende wenden können, wenn es ihnen schlecht geht. Da das auch eine Frage der Betriebskultur ist, ist das leider noch nicht überall der Fall.
Und wenn es der Fall ist, scheuen sich wohl viele, am Arbeitsplatz über psychische Probleme zu reden. Warum ist das so?
Das hat viel damit zu tun, dass wir uns in der Schweiz stark über Leistung definieren. Es ist angenehm, ohne Defizite zu funktionieren; wir alle wollen ein funktionierender Teil der Gesellschaft sein. Doch was passiert mit Menschen, die nicht das gleiche Leistungsniveau haben? Sie bringen trotzdem eine Leistung, empfinden sich aber vielleicht als nicht gleichwertig, also defizitär. Das kann zu Schuld- und Schamgefühlen führen, die man nicht mit dem Arbeitgeber thematisieren will. Ich kann es aber nicht genug betonen: Psychische Probleme können jede und jeden treffen; niemand ist davor gefeit.
Was sind die Gründe dafür, dass psychische Probleme zunehmen?
Abgesehen von der Frage nach der Definition, die über eine allfällige Diagnose hinausgeht, gibt es verschiedene Gründe. Einerseits besteht heute eine grössere Offenheit. Viele junge Menschen empfinden mentale Probleme als nicht mehr gleich stigmatisierend wie ältere, die das gerne als Privatsache abtun. Ausserdem gibt es die Hypothese, dass früher nicht die richtigen Instrumente zum Erfassen solcher Probleme vorhanden waren, was zu anderen Zahlen führte. Und dann sind da gesellschaftliche Entwicklungen, die nicht gerade gesundheitsfördernd sind. So sind die Anforderungen an Jugendliche heute ganz anders als vor fünfzig Jahren. Alles ist schnelllebiger geworden, das prasselt nur so auf sie ein, und junge Menschen haben aufgrund fehlender Lebenserfahrung oft Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen. Zudem brauchen sie heute für jede Kleinigkeit einen Kompetenznachweis, dessen Erlangen viel Energie fordert.
Spielt auch die rasch voranschreitende Digitalisierung eine Rolle?
Auf jeden Fall. Wir müssen uns bewusst sein, dass die Menschheit in der Vergangenheit immer viel Zeit hatte, sich an veränderte Bedingungen anzupassen. In den letzten Jahren ist die Entwicklung mit der Digitalisierung und Globalisierung so unglaublich schnell vorangeschritten, dass wir evolutionsbiologisch gar keine Möglichkeit hatten, damit eins zu eins Schritt zu halten. Menschen können sich schlicht nicht so rasch anpassen. Das kann zu Stress führen. Nachrichten verbreiten sich heute rasend schnell rund um dem Globus, und es tut niemandem gut, rund um die Uhr mit Katastrophenmeldungen konfrontiert zu werden.
«Digitalisierung und Globalisierung sind so schnell vorangeschritten, dass wir evolutionsbiologisch keine Möglichkeit hatten, damit Schritt zu halten.»
Manuel P. Stadtmann
Was beobachten Sie in Ihrer praktischen Tätigkeit?
Meine Arbeit von einem Tag pro Woche in der Integrierten Psychiatrie Winterthur erlaubt es mir, neben der Professur mit der Praxis in Kontakt zu bleiben. Ich arbeite im Ambulatorium für stressassoziierte Krankheiten und Traumafolgestörungen. Stress an sich ist nichts Schlechtes: Wir brauchen Aktivierung, um mal auf den Zug zu rennen oder eine wichtige Deadline einzuhalten. Stress wird aber zum Problem, wenn Menschen dauernd unter Hochspannung stehen und ihr System nicht mehr herunterfahren kann. Das kann beruflich oder privat bedingt sein; häufig kommt beides zusammen. Die Anforderungen sind komplex und die Ansprüche an einen selbst hoch: Man will alles sehr gut machen, und irgendwann ist keine Regeneration mehr möglich.
Stress wurde von der WHO zu einer der grössten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhundert erklärt. Wie können wir ihm begegnen?
Stress wirkt sich ja nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf den Körper aus. Da laufen Vorgänge ab, die wir nicht steuern können. Wie viel Stress jemand verträgt und wie er oder sie sich davon erholt, ist individuell. Es kann sein, dass sich ein sehr geselliger Mensch gut erholt, wenn er jeden Abend mit Freunden ausgeht. Ein anderer braucht vor allem Ruhe. Das muss jede und jeder für sich selbst herausfinden. Ich zum Beispiel konnte am Anfang meiner Ausbildung mit Achtsamkeit nicht viel anfangen, dafür tat mir das Auspowern beim Sport gut. Nichtsdestotrotz können Strategien gegen Stress trainiert werden; man muss sie aber üben, wenn es einem gut geht. Unterstützen kann auch das BGM; der Besuch gewisser Kurse kann helfen. Auf jeden Fall sollte man frühzeitig hinschauen, denn Stress kann nicht nur das Immunsystem angreifen, sondern auch zu Problemen des Herz-Kreislaufsystems führen. Der Herzinfarkt ist eine klassische Managerkrankheit.
Rund 40 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen fühlen sich am Arbeitsplatz gestresst. Inwiefern sind die Arbeitgeber in der Pflicht?
Zuerst muss man schauen, ob die Strukturen eine Stressreduktion zulassen. Denn nicht immer ist alles dem Individuum zuzuschreiben. Gewisse Organisationen bieten leider nicht die Rahmenbedingungen, die es zulassen würden, sich selbst zu schauen. Dann sind unklare Aufgaben oder eine zu hohe Arbeitsdichte über die ganze Zeit hinweg Gift für die Gesundheit. Wichtig ist auch das Zwischenmenschliche: Wird das, was man als Mitarbeiter sagt, gehört? Wird die Arbeit wertgeschätzt? Wenn nicht, führt das zu zusätzlichem Stress. Das sind klar Führungsthemen. Auf individueller Ebene kann ein gutes Selbstmanagement helfen: Gönne ich mir genügend Pausen, pflege ich soziale Kontakte, sorge ich für Erholung und Ausgleich zur Arbeit?
Für den CAS «Stress und Stressmanagement», den Sie leiten, arbeiten Sie auch mit der Hypnosegesellschaft Schweiz zusammen. Hilft Hypnose gegen Stress?
Wie beim Achtsamkeitstraining MBSR arbeiten wir auch bei der Hypnose mit ausgewiesenen Fachleuten zusammen. Unser Bestreben ist, den Leuten viele Tools, etwa bezüglich Kommunikation und Beratungsmethoden, an die Hand zu geben. Es gibt nicht das eine Tool, das für alle und in jeder Situation stimmt. Das gilt auch für die medizinische Hypnose. Eine Kollegin am Kantonsspital St. Gallen, die in der Anästhesie arbeitet, setzt Hypnose erfolgreich ein. Sie beobachtet, dass damit bei gewissen Eingriffen keine Betäubung mehr notwendig ist. Auf emotioneller Ebene kann Hypnose die Selbstreflexion stärken und für Entspannung sorgen, indem sie einen darin unterstützt, auch Emotionen zuzulassen, die man nicht so gerne hat.
Haben Sie zum Schluss noch einen Tipp für unsere Mitarbeitenden, die unter hohem Arbeitsdruck stehen und sich gestresst fühlen?
Ich pflege ein kleines Ritual, das mir hilft, auch das Gute zu sehen. Denn Stress bringt es mit sich, dass wir gute Erfahrungen nicht mehr einordnen können, sondern uns nur noch auf das Negative konzentrieren. So stecke ich mir morgens einige Körner oder kleine Steine in die rechte Hosentasche. Jedes Mal, wenn mir tagsüber etwas sehr gut gelingt oder besondere Freude bereitet, lege ich einen Stein von der rechten in die linke Hosentasche. Abends schaue ich, was sich an Gutem angesammelt hat und lasse die einzelnen Momente nochmals Revue passieren. Das entschleunigt und richtet den Fokus mehr auf das Positive. Ich kann es nur empfehlen.
Manuel P. Stadtmann
Manuel P. Stadtmann hat das Kompetenzzentrum für Psychische Gesundheit, das zum Institut für Gesundheitswissenschaften der Fachhochschule Ost gehört, aufgebaut und leitet es seither. Neben seiner Professur, die er seit vier Jahren innehat, arbeitet der 38-Jährige in einem 20-Prozent-Pensum in der Integrierten Psychiatrie Winterthur. Seine Karriere begann Manuel Stadtmann mit einer Krankenpflege-Lehre an der psychiatrischen Klinik Rheinau. Danach studierte er berufsbegleitend Gesundheitswissenschaften und klinische Psychologie. Er dissertierte an den Universitäten Witten Herdecke und Zürich zu stressassoziierten Erkrankungen und komplexen Traumafolgestörungen. Anschliessend war er als Postdoc am Institut für Psychopathologie und Klinische Intervention in Zürich tätig. Im Jahr 2019 kam er als Dozent nach St. Gallen, um das Kompetenzzentrum für Psychische Gesundheit aufzubauen. Sein interdisziplinär tätiges Team umfasst heute elf Personen.
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