Seinen Platz finden, ohne sich über ihn zu definieren

Yagmur Oktay ist Gerichtsschreiberin in der Abteilung V des Bundesverwaltungsgerichts. Sie verkörpert die neue Generation von Juristinnen und Juristen, für die Diversität keine Forderung oder Ausnahmeerscheinung ist, sondern ein natürlicher Reichtum, sowohl menschlich als auch beruflich.

27.05.2026 - Lena Azemi

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Die Gerichtsschreiberin Yagmur Oktay
«Am meisten mag ich, einem Verfahren vom Anfang bis zum Schluss zu folgen. Man geht von nichts aus, und nach einer langen Analyse- und Entwurfsarbeit entsteht ein publiziertes Urteil»: Yagmur Oktay. (Bild: Lena Azemi)

«Ich habe schon immer gern geschrieben», sagt Yagmur Oktay. Als Gerichtsschreiberin an der Abteilung VI des Bundesverwaltungsgerichts bearbeitet sie ausländerrechtliche Geschäfte, eine «lebendige und zutiefst menschliche» Materie. Ihr Alltag umfasst die Dossierführung, das Redigieren von Urteilen und sporadische Instruktionsaufgaben. Ihre Arbeitsstelle ist die logische Fortsetzung einer anspruchsvollen und konsequenten akademischen Laufbahn. 
Yagmur stammt aus Freiburg und hat einen geradlinigen Hochschulkursus bis zum Master of Law an der Universität Freiburg absolviert. «Ich war immer eine gute, brave und neugierige Studentin. Ich studierte gern, lernte gern und begriff schnell», bekennt sie in aller Bescheidenheit. Nach einer Stelle am Friedensgericht des Broyebezirks entdeckte sie ein Stelleninserat des Bundesverwaltungsgerichts in St. Gallen für den Bereich Ausländerrecht. Diese Gelegenheit liess sie sich nicht entgehen.

Ein Geschäft vom Anfang bis zum Schluss begleiten
«Sofort angesprochen hat mich das Rechtsgebiet. Ich hatte schon mehrere Kurse in Migrations- und Asylrecht besucht, und das war eine tolle Gelegenheit, nach einer ersten Erfahrung in der Rechtsberatung von Caritas wieder konkret in das Thema einzutauchen.» Gleichzeitig wagte sie so auch etwas Neues: «Mit dem Umzug nach St. Gallen brach ich aus der Routine aus, lernte neue Menschen kennen und entdeckte etwas anderes.»
Heute teilt sie ihre Arbeitszeit auf zwischen akribischem Aktenstudium, dem Redigieren von Urteilen und dem Brüten über Urteilsentwürfen. «Am meisten mag ich, einem Geschäft vom Anfang bis zum Schluss zu folgen. Man geht von nichts aus, und nach einer langen Analyse- und Entwurfsarbeit liegt ein publiziertes Urteil vor», erklärt sie. Für sie ist Redigieren viel mehr als eine technische Übung: «Am wichtigsten ist es, eine Verfügung zu erlassen, die klar, logisch und rechtskonform ist. Und dabei nicht zu vergessen, dass im Ausländerrecht die Urteilsempfangenden nicht immer dieselben sprachlichen und juristischen Anhaltspunkte haben. Darum muss man immer daran denken, für wen man schreibt, und darauf achten, dass das Urteil für die Rechtssuchenden nachvollziehbar ist.»

«Man muss immer daran denken, für wen man schreibt, und darauf achten, dass das Urteil für die Rechtssuchenden nachvollziehbar ist.»

Yagmur Oktay

Eine lebendige, menschliche Materie
Im Alltag bedeutet die Arbeit im Bereich des Ausländerrechts auch die Konfrontation mit äusserst schweren Lebensumständen. Für Yagmur ist es zentral, den richtigen Abstand zu wahren: «Ich bin äusserst sensibel, habe aber gelernt, mich abzugrenzen. Ohne gesunde Distanz kann man diese Arbeit nicht machen.» Indessen betont sie die «lebendige, zutiefst menschliche» Seite der Materie: «In erster Linie haben wir es mit Menschen zu tun.» Der Schlussentscheid ist das Ergebnis der gemeinsamen Denkarbeit der Richterin und der Gerichtsschreiberin, die innerhalb der Grenzen des Rechts ihr freies Ermessen ausüben. Diese Haltung konnte sich Yagmur dank der Erfahrung am Friedensgericht und bei Caritas aneignen: «Dort habe ich gelernt, zuzuhören und zu begreifen, mich aber auch anzupassen und die nötige Präzision zu wahren.»
Und wenn gewisse Verfahren hochkomplex sind und eine vertiefte Reflexion erfordern, kann Yagmur auf die Hilfsbereitschaft zählen, die zwischen Gerichtsschreiberinnen und Gerichtsschreibern am BVGer herrscht: «Ich finde immer offene Türen, und die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen stehen den anderen gern mit Rat zur Seite.» Diese Kollegialität ist für das Gericht typisch und stellt für sie eine der Stärken der Rechtsarbeit dar: «Jeden Tag lernt man dazu, auch noch nach Jahren.»

Diversität, der stille Reichtum
Yagmur stammt aus einer kurdischen Familie, die in die Schweiz migriert ist, und wurde von einem Umfeld geprägt, in dem Bildung ein zentraler Wert war. «Meine Eltern hatten nicht das Glück, zu studieren. Aber sie haben uns immer ermutigt, so weit zu gehen wie möglich. Lernen ist für sie wertvoll.» Ja, ein Vorname, ein Nachname und eine Herkunft könnten Fragezeichen aufwerfen: «Manchmal führt das zu veränderten Haltungen, oft unbewusst. Aber ich habe nie ans Aufgeben gedacht.» Lieber konzentriert sie sich auf ihre Arbeit: «Arbeit und Bemühung lügen nicht.» Aber Yagmur bestreitet nicht, dass Diversität im Rechtsbereich wichtig ist: «Sie ist ein Reichtum, weil alle unterschiedliche Lebenserfahrungen mitbringen. Das bereichert das Denken und eröffnet neue Perspektiven.» Und sie ergänzt: «In unserem Bereich hilft diese Vielfalt auch, die Realität der Menschen besser zu verstehen, die vor Gericht stehen.»

Sagt man ihr, dass sie doch «mehr als sich selbst» darstelle, antwortet sie nuanciert: «Wenn mein Leben jemandem aus einer Minderheit Zuversicht verleihen kann, umso besser. Als ich Studentin war, hätte ich gern jemanden gehabt, der mir ähnlich ist, um meine Fragen stellen zu können. Aber ich versuche nicht, ein Symbol oder ein Vorbild zu sein.»

Die stille Kraft
Bei Yagmur fällt das Gleichgewicht zwischen Präzision und Bescheidenheit auf. Sie ist weder fordernd noch unscheinbar. Sie schreitet einfach beharrlich voran. «Ich bin stolz auf das, was ich selbst geschafft habe. Was zählt, sind Kompetenz, Präzision und Arbeitsqualität.» Sie ist den Menschen dankbar, die sie in ihrer Laufbahn unterstützt haben: «Ich hatte das Glück, den Weg wohlwollender Mentore zu kreuzen, in der Direktion für Gesundheit und Soziales des Kantons Freiburg und dann am Friedensgericht.» Diesem Wohlwollen ist auch sie treu, räumt den persönlichen Beziehungen grosse Bedeutung ein und pflegt den Kontakt zu ehemaligen Kolleginnen und Kollegen; Beziehungen, die für sie wertvoll sind. Yagmur schliesst das Interview mit einem Satz ab, der ihre Lebensphilosophie zusammenfasst: «Die eigene Identität ist nicht alles, aber sie ist ein Reichtum.» Diese Worte drücken die stille Kraft ihrer Laufbahn aus: die einer präzisen und sensiblen Juristin, die ihren Werten treu bleibt.

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