Vielfalt tut gut

Annette Nimzik ist überzeugt, dass Vielfalt ein wichtiger Faktor für Entwicklung ist – ob bei Menschen oder in Organisationen. Die erfahrene HR-Managerin wünscht sich am Bundesverwaltungsgericht mehr Selbstreflexion und sorgt mit Bridge kognitiv und sozial für ihr Alter vor.

21.07.2026 - Rocco Maglio

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Vielfalt in der Arbeitswelt, Chancengleichheit, Innovation, Fortschritt
«Für Fortschritt und Innovation braucht es Vielfalt»: Annette Nimzik. (Bild: Erwin Lötscher)

Vielfalt ist Annette Nimzik eine Herzensangelegenheit. Das merkt der Gesprächspartner schon bei der ersten, zufälligen Begegnung. Die aufmerksame Zuhörerin strahlt Präsenz aus und wirkt neugierig. Das kurzweilige Gespräch ist packend und beginnt in ihrer Jugend, als sie in einem «einfältigen und kalten» Dorf in Norddeutschland aufwuchs. «Ich hatte schon als Schülerin Panik vor einem eintönigen Leben», sagt die inzwischen weit herumgereiste HR-Managerin, die seit knapp 20 Jahren in St. Gallen lebt. Vielfalt bedeutet für sie Abwechslung, Anregung, Entwicklung und insbesondere interessante Ein- und Ausblicke. Es überrascht nicht, dass sie einen vielfältigen beruflichen Hintergrund hat: Im Personalwesen war sie in verschiedenen Funktionen und Fachbereichen sowie in ganz unterschiedlichen Branchen tätig: Energie, Industrie, Versicherung, Live-Events und Consulting. Seit mehr als zwei Jahren wirkt sie am Bundesverwaltungsgericht (BVGer) als Personalbereichsleiterin.

Annette Nimzik, Sie sind eine Verfechterin der Vielfalt. Ist es nicht ziemlich anstrengend und ineffizient, wenn in einem Team ständig unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen und stets Grundlegendes diskutiert werden muss?
Klar kommt man in homogenen Gruppen schneller voran. Für Fortschritt und Innovation braucht es jedoch Vielfalt. Es ist wie bei Monokulturen: Sie sind effizienter und bringen schneller Erträge als pflanzliche Artenvielfalt, sie sind jedoch anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Vielfältige Teams fördern Kreativität, Problemlösungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit an neue Entwicklungen. Verschläft man letztere etwa in der IT oder KI, gerät man schnell ins Hintertreffen, Prozesse werden zum Beispiel langsamer als diejenigen der Konkurrenz. Das schmälert nicht zuletzt auch die Attraktivität als Arbeitgeber und erschwert die Rekrutierung von Talenten erheblich.

In der schnelllebigen Zeit von heute mit vielfältigen Möglichkeiten sehnen sich viele Menschen eher nach Ruhe und Beständigkeit – Entschleunigung und Detox sind die Stichworte. Wie stehen Sie hierzu?
Beständigkeit hat zwei Seiten: Sie gibt Vertrauen und Sicherheit, birgt aber auch Langeweile und kann uns daran hindern, Neues zu entdecken. Menschen brauchen beides: entlastende Routinen und inspirierende Vielfältigkeit.

Wo sind die Grenzen der Vielfalt?
Vielfalt ermöglicht den Austausch unterschiedlicher Meinungen – sofern wir offen, neugierig und tolerant gegenüber Andersartigkeit sind. In dieser Haltung liegen die Möglichkeiten oder eben auch die Grenzen der Vielfalt. Statt andere Meinungen oder auch Lebensentwürfe vorschnell zu bewerten und darüber zu urteilen, sollte man lieber staunen: «Ach, so kann man das auch sehen. Oh, so kann man auch leben.»

Was macht das BVGer, um Vielfalt zu fördern?
Wir legen bei der Rekrutierung grossen Wert auf Vielfalt und Chancengleichheit. Kandidatinnen und Kandidaten werden unabhängig von Geschlecht, Alter und sozialer, kultureller und weltanschaulicher Herkunft berücksichtigt. Massgebend sind die Fachkompetenz und die Persönlichkeit. Im Alltag unterstützen wir sehr die Mehrsprachigkeit unserer Mitarbeitenden. Das wiederum stärkt den Austausch zwischen den Sprach- und Kulturgruppen innerhalb des Gerichts.

«Menschen brauchen entlastende Routinen und inspirierende Vielfältigkeit.»

Annette Nimzik

Welche Potenziale betreffend Vielfalt sind am BVGer noch nicht ausgeschöpft?
Gegebenenfalls liesse sich die oben genannte Haltung der Offenheit, Toleranz und Anerkennung noch befördern. Die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und sich persönlich entwickeln zu wollen, ist dafür zentral. Wir sollten uns öfter mal die Frage stellen, wodurch wir wie auf andere wirken, und ob wir diese Wirkung erzielen wollen oder müssen. Die Art und Weise wie wir zum Beispiel kommunizieren, trägt erheblich dazu bei, ob Menschen sich anerkannt und wertgeschätzt fühlen. Ansonsten braucht es für die jeweiligen Tätigkeiten am BVGer eine gewisse Homogenität an Ausbildungsabschlüssen und wegen der Effizienz auch entsprechende Persönlichkeitstypen in Bezug auf die Arbeitsweise.

Welche «blinden Flecken» sehen Sie in unserer Unternehmungskultur?
Vielleicht ist unser pauschaler Umgang mit Fehlern zu rigoros. Natürlich ist es wichtig, fehlerfrei zu arbeiten, an manchen Orten ist es sogar entscheidend. Viele Fehler, die ich in meinem Umfeld am BVGer erlebe, sind jedoch dem Arbeitsdruck oder der repetitiven, noch nicht digitalisierten Prozesse geschuldet und umkehrbar. Menschen machen Fehler und aus Fehlern lernt man.

Sie sind ehrenamtlich stark engagiert, insbesondere für Frauen, Familien und Personen über 50. Sind diese Gruppen nach wie vor benachteiligt?
Na ja, Familien sind das Rückgrat unserer Gesellschaft, Altersarmut ist weiblich, und wir werden alle immer älter. Finanziell unabhängig und lange selbstständig zu sein, wird grundlegend. Die öffentliche Hand wird immer weniger finanzieren können. Diese drei Gruppen zu stärken, ist daher sicherlich eine gute Sache.

Warum sind Sie so stark engagiert?
Ich engagiere mich, weil gesellschaftlicher Zusammenhalt und Chancengleichheit nicht von selbst entstehen. Frauen, Familien und ältere Menschen tragen viel zum Funktionieren unserer Gesellschaft bei, werden aber noch immer zu wenig unterstützt. Mein Engagement ist für mich eine Möglichkeit, diese Gruppen zu stärken und Verantwortung für eine solidarische Zukunft zu übernehmen. Aus zeitlichen Gründen habe ich meine ehrenamtlichen Engagements gerade stark zurückgefahren und bin nur noch im Stiftungsrat der Zeitvorsorge als Stiftungsrätin aktiv.

Vielfalt in der Arbeitswelt, Chancengleichheit, Innovation, Fortschritt

Annette Nimzik

Die 61-Jährige erlernt gerade das Bridge-Spiel und legt auch dadurch den Grundstein für soziale Kontakte und kognitive Fitness im Alter. In ihrer Freizeit spielt sie Golf und singt in einem Kirchenchor – anspruchsvolle Messen, zuletzt aber auch Lieder für die «Vertonung» des Stummfilms «Faust» aus dem Jahr 1926. Annette Nimzik kümmert sich bewusst mehr um sich selbst. «Ich versuche, mich schon jetzt für die Zukunft aufzustellen, auch wenn ich gleichzeitig mit voller Kraft noch einige Jahre im Erwerbsleben sein möchte.» Die Neugierde und Entschlossenheit, kein eintöniges Leben führen zu wollen, stecken tief in ihr drin.

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