Loucy Weil: Hier herrscht Rechtsvielfalt

Loucy Weil ist Pool-Gerichtsschreiberin am Bundesverwaltungsgericht und lotet in dieser bewegten Funktion die vielen Facetten des öffentlichen Rechts aus. Freimütig spricht sie über die Hochs und Tiefs ihrer noch wenig bekannten Rolle, die Anpassungsfähigkeit erfordert sowie Themenvielfalt und Zwischenmenschliches mit sich bringt.

19.06.2026 - Lena Azemi

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Die interessierte Allrounderin: Loucy Weil arbeitet als Pool-Gerichtsschreiberin. (Bild: Lena Azemi)

Loucy Weil hat mit Stillstand nichts am Hut. Nach dem Rechtsstudium in Lausanne mit einer Spezialisierung in Verfahrensrecht und in Sozialrecht erwarb sie 2017 das Anwaltspatent und arbeitete ein Jahr als Rechtsanwältin. Danach stillte sie ihre Entdeckerlust auf einer einjährigen Reise. Nach der Heimkehr suchte sie einen Perspektivenwechsel. Sie wollte das Recht von der «anderen Seite» kennenlernen, aus der Warte des öffentlichen Dienstes, aber in einem Rechtsbereich, den sie schon aus der Praxis kannte: im Ausländer- oder Asylrecht. 2021 trat sie eine Stelle am Bundesverwaltungsgericht in Sankt Gallen an, eine geografische Wahl, die auch durch ihre Neugier motiviert war, die Tür zur Romandie aber offen liess.

Fast durch Zufall sah sie das Inserat für die Stelle als Pool-Gerichtsschreiberin, eine Rolle, die sie nicht kannte, die ihr aber sofort zusagte. «Ich fasse gerne alles mögliche an und bleibe Allrounderin», erklärt sie. Konkret wird sie temporär an verschiedene Gerichtsabteilungen berufen, abhängig von der jeweiligen Bedarfslage: Arbeitsüberlastung, Stellvertretung oder Reorganisation. Nach ein paar Monaten wechselt sie an eine andere Abteilung, taucht in eine neue Materie ein und integriert sich in ein neues Team. Eine Funktion, die immer bewegt ist und solide Kenntnisse des Verwaltungsrechts, eine gesunde Dosis Flexibilität und ausgesprochene Freude an Neuem erfordert.

Hin und her zwischen Materien und Teams
Loucy Weil war bereits in mehreren Abteilungen tätig und befasste sich mit so unterschiedlichen Rechtsgebieten wie Steuerrecht, Amtshilfe, Invalidenversicherung, Personalrecht, Öffentlichkeitsprinzip – und natürlich Asylrecht. Zwar bevorzugt sie nach wie vor das Ausländerrecht, doch taucht sie gerne in Rechtsgebiete ein, die sie von sich aus niemals wählen würde. «Steuerrecht fand ich nicht attraktiv, aber im Endeffekt war das richtig spannend. Alle Materien werden interessant, wenn man sich mit ihnen befasst.» Doch betont sie, dass der Einstieg in besonders technische Rechtsgebiete mehr Aufwand verursacht.

Die Vielfalt ergibt sich nicht nur aus den Themen, sondern auch aus den Arbeitsmethoden. Jede Abteilung hat ihre Eigendynamik. In der Abteilung I gibt es weniger, aber komplexere Dossiers. Das Arbeitstempo ist zwar gemütlicher, doch gehen die juristischen Recherchearbeiten sehr weit. Dagegen ist das Volumen an den Asylabteilungen grösser, die Fristen sind kürzer und die Arbeitsabläufe beruhen vermehrt auf standardisierten Prozessen, die eine effiziente Dossierbearbeitung gewährleisten. Diese Unterschiede prägen nicht nur den Arbeitsalltag, sondern auch die Stimmung im Team, wie zusammengearbeitet und sogar wie geschrieben wird. Ein solches Erfahrungsmosaik kommt Loucy entgegen, auch wenn es zugegebenermassen nicht immer einfach sei, sich so häufig neu zu orientieren.

«Steuerrecht fand ich nicht attraktiv, aber im Endeffekt war das richtig spannend. Alle Materien werden interessant, wenn man sich mit ihnen befasst.»

Loucy Weil

Ebenfalls zu den Herausforderungen gehört die Integration bei jedem neuen Einsatz. Sie wurde immer gut aufgenommen, auch wenn ein gewisser Abstand bestehen bleibe, der sich gezwungenermassen aus der Art dieser Stelle ergebe: «Wir sind auf der Durchreise. Wir gehören nicht gleich zum Team wie die anderen Gerichtsschreibenden.» Doch gute Beziehungen knüpft sie dennoch und sie wird auch schnell zu informellen Teamanlässen eingeladen. Am schwersten sei es, ein Team, in dem man sich wohlfühlt, genau dann wieder zu verlassen, wenn man sich in die Materie eingearbeitet hat. 

Eine empfehlenswerte Erfahrung
Der Stelle der Pool-Gerichtsschreiberin ist ein klarer Rahmen gesetzt. Sie hat zwei Referenzpersonen, je einen «rechtlichen» Vorgesetzten, der Mitglied der Verwaltungskommission (VK) ist, und einen «tatsächlichen» Chef, für den sie arbeitet. Bei der Einsatzzuteilung besteht zudem ein Kontakt mit der VK. Im internen Pool-Team können sich die Pool-Gerichtsschreibenden austauschen, koordinieren und trotz der Verzettelung etwas Zusammengehörigkeit geniessen. Bei der Organisation werden die persönlichen Vorlieben so gut wie möglich berücksichtigt. Loucy Weil schätzt die grosse Flexibilität, die sie namentlich bei der Ferieneingabe geniesst. Und wegen der vielfältigen Anforderungen ist sie auch in eine höhere Lohnklasse eingeteilt.

Trotz den Herausforderungen lobt sie ihre Funktion in den höchsten Tönen. «Das bringt zusätzliche Dynamik in die Gerichtsschreiberarbeit», erklärt sie im Brustton der Überzeugung. Diese Formel entspricht ihr, denn sie drückt ihren Willen aus, sich immer neu herausfordern zu lassen und in einem anregenden Umfeld zu arbeiten. So vermeidet sie Stillstand und hält sich einen Weg als engagierte, neugierige Juristin offen, die fähig ist, sich auf die Komplexität des öffentlichen Rechts einzulassen, ohne die menschliche Dynamik auszublenden.

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