Open House: Ein Blick hinter die Fassade
Timo Fust, was ist Open House St. Gallen und welche Idee steckt dahinter?
Open House St. Gallen ist eine Einladung, die eigene Stadt einmal anders kennenzulernen. Während eines Tages des ersten Septemberwochenendes öffnen Gebäude ihre Türen, die im Alltag nicht oder nur teilweise öffentlich zugänglich sind. Uns geht es dabei vor allem darum, Architektur möglichst niederschwellig erlebbar zu machen. Man muss kein Architekt und keine Architektin sein, um einen Raum spannend zu finden oder zu merken, dass ein Gebäude etwas mit einem macht. Genau diese Neugier möchten wir wecken.
Warum ist es wichtig, Gebäude zugänglich zu machen, die man sonst vielleicht nur von aussen kennt?
Architektur kann man von aussen anschauen. Aber eigentlich versteht man sie erst, wenn man auch hineingeht. Wenn man einen Raum durchschreitet, die Dimensionen erlebt, das Licht sieht oder merkt, wie sich Materialien anfühlen und wie Menschen sich darin bewegen. Gerade bei Gebäuden, an denen man vielleicht jeden Tag vorbeiläuft, entsteht dadurch plötzlich ein ganz anderer Bezug. Aus einem Gebäude, das einfach Teil des Stadtbildes ist, wird ein konkreter Ort. Wir finden, genau da beginnt auch eine breitere Auseinandersetzung mit Baukultur.
Wie sind Sie auf das Bundesverwaltungsgericht als Gebäude für Open House aufmerksam geworden?
Das Bundesverwaltungsgericht war für uns relativ schnell ein spannender Kandidat. Es ist ein sehr präsentes Gebäude in St. Gallen, gleichzeitig kennen es die meisten Leute vor allem von aussen. Genau diese Kombination ist für Open House interessant. Dazu kommt, dass es hier um eine öffentliche Institution geht und somit Architektur eng mit der Funktion des Hauses zusammenhängt.
«Architektur kann man von aussen anschauen. Aber eigentlich versteht man sie erst, wenn man auch hineingeht.»
Timo Fust
Was muss ein Gebäude mitbringen, damit es für Open House interessant ist?
Es muss nicht unbedingt spektakulär oder ikonisch sein. Uns interessieren Gebäude, bei denen es etwas zu entdecken oder eine Geschichte zu erzählen gibt. Das kann eine besondere Konstruktion sein, ein spannender Umgang mit einem Bestand, eine überraschende Nutzung oder auch ein alltägliches Gebäude, das exemplarisch für eine bestimmte Zeit steht. Entscheidend ist für uns, dass man nach dem Besuch etwas anders wahrnimmt als vorher. Und natürlich ist es besonders spannend, wenn wir Orte öffnen können, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat.
Was macht die Architektur des BVGer aus Ihrer Sicht besonders?
Was wir sehr spannend finden, ist dieser Spagat zwischen Repräsentation und Offenheit. Ein Bundesgericht muss als Institution eine gewisse Präsenz und Ernsthaftigkeit ausstrahlen – gleichzeitig soll ein öffentliches Gebäude nicht komplett abweisend wirken. Beim Bundesverwaltungsgericht passiert das auf mehreren Ebenen: über die klare Struktur, die Materialisierung, die grosszügigen Räume und die sehr bewusste Inszenierung von Licht und Blickbeziehungen. Gleichzeitig merkt man, dass hinter der äusseren Erscheinung eine ziemlich komplexe Arbeitswelt steckt.
Gibt es einen Raum oder Ort im Gebäude, den Sie persönlich besonders spannend finden?
Für uns sind es vor allem die repräsentativen Räume, wie zum Beispiel ein Gerichtssaal oder das Foyer. Gerade dort wird besonders spürbar, wie Architektur eine bestimmte Atmosphäre schafft und damit auch beeinflusst, wie wir einen Ort wahrnehmen und uns darin verhalten.
Was wünschen Sie sich, dass Besuchende nach einer Open-House-Besichtigung über Architektur denken?
Im besten Fall gehen sie nach Hause und schauen auf dem Heimweg schon ein bisschen anders auf ihre Umgebung. Wir möchten gar nicht vorgeben, was gute oder schlechte Architektur ist. Viel wichtiger wäre es uns, dass Menschen anfangen, Fragen zu stellen: Warum fühle ich mich in diesem Raum wohl? Warum funktioniert dieser Platz? Weshalb wurde hier dieses Material gewählt? Oder warum ist ein Gebäude so organisiert, wie es ist? – Wenn Open House dazu führt, dass Architektur nicht mehr nur als etwas für Fachleute wahrgenommen wird, sondern als etwas, das uns alle jeden Tag betrifft, dann haben wir eigentlich schon ziemlich viel erreicht.
Timo Fust
Timo Fust, ist Architekt und wissenschaftlicher Assistent an der ArchitekturWerkstatt der OST, wo er auch seinen Bachelor absolviert hat. Als Präsident des Vereins Open House St. Gallen bringt er das internationale Format erstmals in die Stadt und will Architektur für alle erlebbar machen.
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