Our blog articles are only available in German, French or Italian.

By default, the content on this page is therefore displayed in German.

Zwischen Ziellinien und Urteilszeilen

Für Tobias Sievert ist der Laufsport zum Fixpunkt in seiner Tätigkeit als Gerichtsschreiber am Bundesverwaltungsgericht geworden. Er bietet ihm einen wertvollen Ausgleich zu den mentalen Anforderungen seiner Arbeit.

28.08.2026 - Lena Azemi

Teilen
Tobias Sievert, Gerichtsschreiber, Sport
«Beim Rennen und beim Dossier heisst ‹fertig› fertig»: Tobias Sievert. (Bild: Daniel Winkler)

Tobias Sievert, sind Sie auf eine sportliche Leistung besonders stolz? 
Ja, auf mehrere: Nahe an meinem Berufsalltag als Gerichtsschreiber am Bundesverwaltungsgericht war der Firmenlauf ein besonders starker Moment. Mein Coach im St. Galler Trainingsclub, LC Brühl, der mehrfach Schweizer Meister war, hatte mir gesagt, dass der Sieger des Firmenlaufs stadtbekannt werde. Dass ich so mitlaufen und mit dieser lokalen Anerkennung (mit-)gewinnen konnte, hatte für mich einen wichtigen symbolischen Wert. Rein sportlich bin ich auch auf einige Laufzeiten besonders stolz, etwa ein 5-Kilometer-Lauf in Berlin in 14 Minuten 47 Sekunden oder ein Marathon in 2 Stunden 29 Minuten. Das waren markante Etappen in meiner Laufkarriere, die viel Arbeit, Regelmässigkeit und Ehrgeiz erforderten.

Und welche Etappe hat Ihre Karriere besonders geprägt?
Am prägendsten waren einige Erlebnisse in den Bergen. Ich habe ziemlich viel Alpinismus betrieben, weil mich das Abenteuer an und für sich reizt. Zweimal habe ich das Matterhorn, diese Schweizer Ikone, bestiegen, mal von Italien, mal von der Schweiz aus. Auch in Peru bestieg ich Berge, bin auch viel Skitouren gefahren und habe an zahlreichen Wettkämpfen teilgenommen. Dabei habe ich insbesondere eine Medaille bei den Schweizer Mannschaftsmeisterschaften gewonnen – eine sehr starke Erinnerung. Also: viele Etappen, vielfältige Erfahrungen und alle sehr markant.

Und was hat Sie in den Bergen speziell geprägt?
Insbesondere Peru war eine komplett andere Erfahrung als das, was wir aus der Schweiz kennen. Viel wilder, viel stärker auf sich selbst gestellt. Ich musste mich selbst durchschlagen, was die Organisation, die Logistik und die Routenplanung angeht. Und die Distanzen sind deutlich grösser als in der Schweiz, die Berge viel höher. Dort habe ich den Chopicalqui erklommen, der knapp 6400 Meter hoch ist. Ich hatte nur wenig Zeit, um mich zu akklimatisieren. Nach zehn Tagen hatte ich schon vier Gipfel bestiegen. Manchmal zogen wir um Mitternacht los und waren am nächsten Tag um 15 Uhr zurück. Das war extrem intensiv. Auf diesem Berg stiess ich beinahe an meine Grenzen und brauchte Zeit, um mich wieder zu erholen. Diese Erfahrung hat mich stark geprägt und auch verändert.

Wie wirkt sich Ihre sportliche Tätigkeit auf Ihre Arbeit aus?
Ich denke vor allem an die Disziplin. Im Sport ist ab einem bestimmten Punkt Regelmässigkeit das A und O. Bei der Arbeit ist es ähnlich. Man muss sich der Arbeit hingeben, auch wenn die Motivation vielleicht nicht unmittelbar gegeben ist. Manchmal meint man, man müsse immer motiviert sein, dabei geht es einfach weiter, wenn man dranbleibt. Auch bei der Arbeit kommt man mit Regelmässigkeit und Konstanz voran. So entsteht Kontinuität und ebnet sich ein Weg. Wie ein Zug, der einfach weiterfährt. Im Sport und mit den Dossiers ist es ideal, in den Flow einzutauchen.

Welche Parallelen sehen Sie zwischen Sport und Arbeit?
Zwischen einem sportlichen Wettkampf und der juristischen Arbeit gibt es eine sehr klare Parallele. Wenn das Rennen fertig ist, folgt die grosse Erleichterung. Ähnlich ist es mit dem Erlassen eines wichtigen Urteils, vor allem wenn das Verfahren lange und komplex war. Nach Verfahrensende tritt dasselbe Gefühl ein, dass man etwas Wichtiges abgeschlossen hat. Und dann, wenn alles fertig ist, folgt eine Art Herunterfahren, fast ein kleiner Absturz. Sowohl beim Rennen als auch beim Dossier heisst «fertig» fertig.

Hilft Ihnen der Sport, Abstand zu gewinnen und Ihren Tag zu strukturieren?
Ja, ganz klar. Priorität hat immer die Arbeit, aber die geplanten Trainings helfen mir, meinen Tag zu strukturieren und diszipliniert zu arbeiten. Wenn ich weiss, dass ich am Abend ein Training habe, organisiere ich meinen Tag tendenziell besser. Ich bin überzeugt: Mit etwas Disziplin findet man fast immer Zeit, um Sport zu treiben, auch wenn ich im Moment etwas kürzertrete. Am Bundesverwaltungsgericht haben wir das Glück, unsere Arbeitszeiten recht flexibel einteilen zu können. Das erleichtert vieles und ermöglicht es, Arbeit und Sport ziemlich unkompliziert miteinander zu verbinden. 

«Manchmal meint man, man müsse immer motiviert sein, dabei geht es einfach weiter, wenn man dranbleibt. Auch bei der Arbeit kommt man mit Regelmässigkeit und Konstanz voran.»

Tobias Sievert

Die mentale Belastung kann am BVGer ziemlich gross sein. Welche Strategien im Umgang mit Stress haben Sie?
Hier spielt der Sport eine entscheidende Rolle. Beim Laufen leere ich den Kopf und mache zwischen zwei Arbeitstagen einen «Hirn-Reset». Auch wenn ich nach dem Training körperlich müde bin, fühle ich mich mental erfrischt. Ich fühle mich fit, bereit und motiviert für die Arbeit. Nach einem langen Arbeitstag hilft mir der Sport auch, die mentale Belastung abzubauen. Darum trainiere ich gern am Abend. So schliesse ich den Tag ab, gewinne Abstand, erhole mich zu Hause gut und erscheine am nächsten Tag unter optimalen Voraussetzungen zur Arbeit.

Achten Sie auf eine Ernährung, die Ihre sportliche Tätigkeit und Ihr Wohlbefinden stützt?
Die Ernährung ist wichtig, aber da bin ich kein grosses Vorbild. Das Wichtigste für mich ist die Energie. Erst dann folgt die Qualität der Nahrung. Wenn ich viel laufe, ist es zentral, kein Energiedefizit zu haben. Wenn man zu sehr auf seine Ernährung achtet, kann das schnell zu Müdigkeit führen. Deshalb versuche ich vor allem, das zu vermeiden. Vor den Wettkämpfen habe ich keine spezielle Strategie. Ich vermeide Exzesse, ändere aber meine Gewohnheiten nicht grundlegend. Bei langen Läufen achte ich auf genug Kohlenhydrate, bei kürzeren mache ich aber nichts Spezielles. Und ich muss auch sagen: Ich mag Zucker.

Welche Tipps geben Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen, um trotz sitzender Büroarbeit körperlich in Form zu bleiben?
Ich würde sie zu einer körperlichen Tätigkeit ermutigen, die ihnen Freude macht. Ich finde es wichtig, neugierig zu sein, auf den eigenen Körper zu achten und Verschiedenes auszuprobieren. Auch bei einer anfänglichen Enttäuschung lohnt es sich, sich darauf einzulassen und es wieder zu versuchen. Ich meine auch, man sollte sich nicht zu viel vornehmen. Ein kleines Rennen kann viel Freude und Befriedigung bringen. Ich laufe ganz unterschiedlich viel: Manchmal nur 5 Kilometer, einfach um dranzubleiben, dann aber auch lange Distanzen bis 30 Kilometer. Das Wichtigste ist, es zu tun.

Was meinen Sie mit «nicht zu viel vornehmen»? 
Es ist wichtig, nicht zu hohe Ansprüche an sich zu haben, grosszügig mit sich umzugehen und jeden gemachten Fortschritt zu würdigen. Es gibt immer Zeiten, in denen man nicht vorwärts kommt, und da ist es wichtig, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Am wichtigsten ist es, sich mit sich selbst zu vergleichen. Es gibt keine guten und schlechten Leistungen. Sport treibt man für sich selbst. Ich finde es auch positiv, dass das BVGer Aktivitäten anbietet, und bin auch schon mit Kolleginnen und Kollegen zusammen gelaufen. Das trägt zu einer positiven Gruppendynamik bei und hilft, die körperliche Aktivität mit dem Berufsalltag zu vereinbaren.

Finden Sie, dass das BVGer genug tut, um einen gesunden Lebensstil bei der Arbeit zu fördern?
Eine schwierige Frage. Insgesamt finde ich, dass das Sportangebot gut ist. Ich persönlich nutze es nicht oft, weil ich meine eigenen Programme habe und mich gern organisiere, wie ich will. Dem Hörensagen nach funktioniert das Angebot aber gut und entspricht einer echten Nachfrage. Generell ist die Arbeitsorganisation für regelmässiges Sporttreiben förderlich. Dass man die Dossiers am Tagesende nicht mit nach Hause nimmt, setzt Zeit und Energie frei für anderes, unter anderem für Sport. Natürlich könnte man sich im BVGer einen Fitnessraum vorstellen oder dass im ehemaligen Raucherraum Laufbänder installiert werden – aber abgesehen davon, finde ich, dass schon viel gemacht wird.

Haben Sie sich für dieses Jahr ein Gesundheits- oder ein Sportziel gesetzt?
Aktuell bin ich leicht verletzt. Mein Hauptziel ist darum, wieder in Form zu kommen und regelmässig Sport zu treiben. Dabei will ich schrittweise und ausgewogen wieder mit Laufen, Radfahren und Krafttraining anfangen. Wenn alles gut geht, möchte ich auch wieder am Firmenlauf teilnehmen und auch am Valencia-Marathon Ende Jahr. Den bin ich schon einmal gelaufen und möchte ihn wieder zu meinem Sportziel machen.

Tobias Sievert, Gerichtsschreiber, Sport

Tobias Sievert

Tobias Sievert, 33-jährig, ist seit Anfang 2025 Gerichtsschreiber in der Abteilung I des Bundesverwaltungsgerichts. Der gebürtige Lausanner verfügt über einen Bachelor und einen Master in Rechtswissenschaften, promovierte an der Universität Freiburg und ist Rechtsanwalt. Neben seiner Arbeit betreibt er regelmässig Lauf- und Radsport sowie Krafttraining. Ständig bestrebt, sich selbst zu übertreffen, sieht er im Sport eine Möglichkeit, vorwärtszukommen, sich zu konzentrieren und das persönliche Gleichgewicht zu pflegen. Tobias Sievert lebt in St. Gallen und trainiert im Leichtathletikclub LC Brühl. Die durchstrukturierten Gruppentrainings sind für ihn eine grosse Motivation. Die Natur in der Region und die bereitstehende Indoor-Laufbahn sind für ihn besonders stimulierende Voraussetzungen für den Ausdauersport. Solide Erfahrung hat er auch im Bergsteigen und im Skitourensport.

Weitere Blogeinträge